Lennart Karl (17) ist innerhalb weniger Monate zum prägenden Spieler des FC Bayern München geworden. Vieles spricht dafür, dass Bundestrainer Julian Nagelsmann ihn in den deutschen WM-Kader beruft. Und falls nicht, braucht er dafür eine sehr gute Begründung.
Karls Durchbruch in dieser Saison kam selbst für Insider ein wenig überraschend. Zwar hatte er im vergangenen Jahr in der U17 und der U19 mit vielen Toren und Vorlagen auf sich aufmerksam gemacht, doch in der Offensive des FC Bayern drängt sich das Talent geradezu. Wer sich dort durchsetzt, muss außergewöhnlich sein. Bei Karl öffnete eine Verletzung von Jamal Musiala die Tür einen Spalt, und er nutzte seine Chance mit beiden Händen. Vincent Kompany ließ ihn bei der Klub-WM debütieren, im 10:0 gegen Auckland City. Die eigentliche Vorstellung als Ausnahmetalent folgte dann in dieser Saison in der Champions League.

Ein Solo, das Geschichte schrieb
Im Oktober wurde Karl gegen Club Brügge eingewechselt und zog sofort alle Blicke auf sich: Nach nur fünf Minuten erzielte er mit einer genialen Einzelaktion sein erstes Tor. Damit schrieb er Geschichte als jüngster Torschütze, den Bayern je in der Champions League hatte. Drei Tage später entschied er auch das Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach, wieder mit einem herrlichen Distanzschuss. Von einem Tag auf den anderen war Karl ein Star.
Zu diesem Status gehören Pflichten und Fallstricke. Das bekam er vor einigen Wochen zu spüren, als er bei einem Besuch eines Fanklubs erzählte, Real Madrid sei sein ultimativer Traumverein. Das heimlich mitgeschnittene Geständnis löste unter den Bayern-Anhängern einen Sturm der Entrüstung aus. Weil sich Karl rasch entschuldigte, blieb es bei einem unbedachten Moment eines Siebzehnjährigen. Der Verein reagierte gelassen.
Ein Fehler, der ihm verziehen wurde
„Ich finde, ein Siebzehnjähriger darf einen Fehler machen”, sagte Sportvorstand Max Eberl. In seiner Euphorie könne er etwas sagen, von dem er später denke, das hätte er anders lösen können. Er werde daraus lernen, so Eberl, vor allem, dass er nicht mehr Lenny sei, der Siebzehnjährige, den niemand kennt, sondern Lennart Karl, von dem ganz Deutschland wisse, was er kann und wer er ist.
Als Fußballer ist Karl eine faszinierende Mischung. Mit seinen 1,68 Metern ist er körperlich nicht imposant, doch dank seines tiefen Körperschwerpunkts ist er auf engem Raum äußerst wendig und bleibt erstaunlich oft im Gleichgewicht. Weil er auf den ersten Metern schnell und explosiv ist und das mit einer fantastischen Ballkontrolle unter Druck verbindet, bekommen Gegenspieler ihn kaum zu fassen.
Klein, wendig und mit einem starken linken Fuß
Wegen seines Körperbaus und seines starken linken Fußes wird er mit Lionel Messi verglichen. Im Kontext des FC Bayern liegt der Vergleich mit Arjen Robben vielleicht sogar näher: Karls Lieblingsposition ist die rechte Seite, von der aus er nach innen ziehen kann, um auf seinen linken Fuß zu kommen. Zugleich besitzt er die Orientierung und das Spielverständnis für eine zentralere Rolle, was er in den vergangenen Monaten mehrfach bewiesen hat. Im aktuellen Bayern-Kader kann er sowohl Jamal Musiala als auch Michael Olise ersetzen. Das sagt viel über seine Vielseitigkeit.
Der Verein ist zudem stolz darauf, dass Karl aus der eigenen Jugend kommt. Es gehört zu den erklärten Zielen der Münchner, mehr Spieler aus der Akademie in die erste Mannschaft zu bringen. Aleksandar Pavlovic hat sich mit 21 Jahren fast geräuschlos einen Stammplatz im Mittelfeld erobert. Karl ist so gut, dass er quasi aus dem Nichts in einer der besten Mannschaften Europas den Unterschied macht.
Vom Heimweh geplagt, an der Krise gewachsen
Karl stammt nicht aus München. Seine Wurzeln liegen im Dorf Frammersbach, rund dreieinhalb Autostunden von der Allianz Arena entfernt. Bevor er mit vierzehn Jahren an den Bayern-Campus geholt wurde, spielte er auch in der Jugend von Eintracht Frankfurt. Der Wechsel fiel ihm schwer, wie er im vergangenen Jahr in einem Interview erzählte. Heimweh und Einsamkeit setzten ihm mental zu, er schlief schlecht und dachte darüber nach, beim Verein aufzuhören. Als introvertierter Junge musste er lernen, in der Struktur und Disziplin der Bayern-Jugend zu bestehen. Der schwierige Start machte ihn widerstandsfähiger und zeigte ihm, dass er härter arbeiten musste, um den nächsten Schritt zu schaffen. Diese Erkenntnis reifte vor allem nach einem schwächeren Jahr in der U16, als Champions League und Bundesliga noch in weiter Ferne lagen.
Und jetzt ist Karl also ein Hype. Der Druck auf Nagelsmann, ihn zu nominieren, wächst mit jeder Woche. Im November debütierte er für die deutsche U21 und traf in beiden Länderspielen. Damals wirkte das wie die logische Fortsetzung seines Durchbruchs. Doch wer seinen Namen heute neben denen von Nicolò Tresoldi, Ilyas Ansah und Nelson Weiper sieht, denkt: Dieser Kategorie ist er entwachsen. Immer mehr Beobachter sagen laut, dass Karl mit Florian Wirtz und Jamal Musiala zur WM fahren kann. Die Aufgabe für Bayern und Kompany besteht darin, ihn körperlich und mental nicht zu verschleißen, ihn vor den überwältigenden Erwartungen zu schützen, die sein Talent zwangsläufig weckt, und ihm vor allem in einem Team voller etablierter Stars weiter Spielzeit zu geben.